Übungen zu Atem & Meditation
„Wenn der Atem ganz still geworden ist mit Hilfe von kumbhaka (der Atemübungen des
Hatha-Yoga), hat der Geist keine Unterstützung mehr. Wenn man dies übt, erreicht man die
Ebene des Raja-Yoga (der Meditation).“ (Hatha Yoga Pradipika, II, 77)
Die Bedeutung von Atem und Meditation im Yoga
Yoga hat immer auch etwas mit Meditation zu tun. In allen Yoga-Traditionen wird die Ansicht
vertreten, dass Menschen im Zustand der Meditation in der Lage sind, eine andere Form der
Wahrnehmung zu entwickeln. Dabei gehen sie davon aus, dass unsere alltägliche
Wahrnehmung außerordentlich subjektiv und bedingt ist, so dass sie wahre Erkenntnis und
wahres Verstehen eher behindert als fördert. Deswegen haben die Yogameister in den
vergangenen 3000 Jahren eine Vielzahl von Methoden entwickelt, die es ermöglichen, dass
wir mithilfe der Klärung und Beruhigung unseres Geistes unser Alltagsbewusstsein hinter
uns lassen.
Das Wichtigste, was wir durch die Meditation lernen können, ist, dass es in uns etwas gibt,
das sich durch nichts beschreiben lässt, aber als das, was wahrnimmt, erfahren können.
Wenn wir also über eine der ältesten Fragen nachdenken, die Menschen sich gestellt haben,
nämlich die Frage „Wer bin ich?“, dann werden wir feststellen, dass sie sich nicht intellektuell
lösen lässt, dass aber nachsinnend, spürend und durch ein völliges Offensein in der
Innenschau – also durch die Methoden der Meditation – alles das von uns abfällt, was wir
nicht sind und der Wesenskern erfahrbar wird.
Übung 1: Die feine Atmung mit Reibelaut – Ujjayi
In dieser Atmung ist der Stimmmuskel in derselben Stellung wie beim Flüstern. Dadurch
wird der Atem hörbar und Sie können ihn gut regulieren und verfeinern, bis er fließt wie Öl.
Sie können Ujjayi überall nach Bedarf einsetzen.
- Kommen Sie in einen aufrechten und bequemen Sitz Ihrer Wahl.
- Sprechen Sie einige Worte mit Flüsterstimme. Dann sprechen Sie einige Male flüsternd»haaa« beim Ausatmen und beim Einatmen. Lauschen Sie diesem Hauchlaut, der
entsteht, wenn die Atemluft an der verengten Stimmritze reibend entlang strömt.
- Schließen Sie dann den Mund und atmen Sie weiter mit dem Reibelaut. Entspannen SieIhren Atem mehr und mehr, so dass der Ton so leise wird, dass nur noch Sie selber ihn
innerlich hören können.
- Fahren Sie fort mit Ujjayi zu atmen und lauschen Sie dem ruhigen, fließenden Reibelaut
Ihres Atems. Beobachten Sie, wie Ihr Geist entspannt und wieder ruhig wird.
- Bleiben Sie nach Beendigung der Ujjayi-Atmung noch etwas sitzen und lauschen Sie
dem Kommen und Gehen Ihres Atems.
Übung 2: Feine Atmung zur Beruhigung des Geistes
Diese Atemform ist besonders bewährt am Abend vor dem Schlafengehen. Sie können sie,
wenn Sie wollen, sogar auch im Liegen üben, um dem Geist zu helfen, Grübeln und das
Kreisen der Gedanken zu unterbrechen.
- Kommen Sie in einen aufrechten, bequemen Sitz Ihrer Wahl.
- Schließen Sie die Augen und lauschen Sie Ihrem Atem. Versuchen Sie ihn allmählich
länger, ruhiger und fließender werden zu lassen, indem Sie den Atem mehr und mehr
entspannen.
- Atmen Sie dann langsam hoch zum Stirnraum, so als wollten Sie einen köstlichen Duft
einatmen. Lassen Sie den Atem ganz entspannt wieder heraus strömen.
- Fahren Sie damit fort und geleiten Sie jeden Einatem hoch in den Stirnraum und
entspannen Sie Ihren Ausatem mehr und mehr.
- Nach einigen Minuten halten Sie inne. Entspannen Sie nun Ihren Stirnraum in seiner
ganzen Breite, Höhe und Tiefe – so, wie Sie ihn wahrnehmen.
- Verweilen Sie in dieser Entspannung, vielleicht, bis Sie einschlafen. Wenn Sie jedoch
wach bleiben wollen, vertiefen Sie die Atmung wieder und öffnen Sie dann die Augen.
Übung 3: Konzentrationsübungen zur Entspannung des Geistes
Probieren sie diese Übungen am Ende eines Tages, an dem Sie geistig sehr eingespannt
waren oder auch zwischen zwei Terminen. Sie werden staunen, wie einfach sich der Geist
sammeln und erfrischen lässt!
- Kommen Sie in einen aufrechten und bequemen Sitz Ihrer Wahl. Schließen Sie die
Augen.
- Gehen Sie mit der Wahrnehmung in den Stirnraum. Erspüren Sie ihn in seiner ganzen
Breite, Höhe und Tiefe und entspannen Sie diesen Raum. Verweilen Sie so ca. 1 Minute.
- Sammeln Sie dann einatmend Ihre Wahrnehmung in der Mitte der Stirn. Entspannen Sie
sanft ausatmend von der Mitte ausgehend in alle Richtungen gleichzeitig. Wiederholen
Sie diese Übung mehrere Male.
- Verweilen Sie einige Atemzüge mit der Wahrnehmung entspannt in der Mitte der Stirn.
Ziehen Sie sie dann zurück zur Mitte des Schädels – genau dort, wo Sie diese Mitte spüren.
- Entspannen Sie dann diesen Bereich in der Mitte des Schädels. Stellen Sie sich vor,
dass Ihr Geist dort seinen Ruhe- und Rückzugsraum findet.
- Um die Übung zu verlassen, legen Sie beide Hände auf den Bauch und nehmen Sie
einige ruhige tiefe Atemzüge. Öffnen Sie dann wieder die Augen und spüren Sie noch
einen Moment den Wirkungen dieser Übungen nach.
Übung 4: Herzmeditation
Nutzen sie diese Meditation immer dann, wenn sie sich eng und / oder bange ums Herz
fühlen. Herzmeditation wirkt unterstützend bei Erkrankungen des Herzens, bei Angina
Pectoris und nach Herzinfarkten, bei Bluthochdruck, aber auch bei Depressionen,
Schlafstörungen und oft auch bei Ängsten. Sie können diese Meditation gleichermaßen im
Sitz wie im Liegen (z.B. nachts im Bett) durchführen. Lassen sie, wenn sie im Liegen üben,
einfach die Armbewegungen weg und verströmen Sie die Herzenergie in Ihrer Vorstellung.
- Kommen Sie in eine Ihnen angenehme Haltung Ihrer Wahl.
- Legen Sie beide Hände überkreuz auf die Mitte der Brust und entspannen Sie Ihren
Herzraum. Lassen Sie in sich ein Gefühl von Wohlwollen und Sympathie entstehen.
Zuallererst für sich selber, aber auch für die Menschen, die Ihnen nahe stehen.
- Wenn es nicht gleich einstellen will, dann denken Sie an einen Menschen oder ein Tier,
den oder das Sie sehr gerne haben oder lieben , also ein Wesen, dass Ihnen Ihr »Herzöffnet«. Lassen Sie sich dadurch ein Gefühl entwickeln, das wirklich Ihre innersten
Empfindungen ausdrückt.
- Bleiben Sie mit diesem Gefühl ganz nach innen gewandt und bei sich und nähren Sie es
so.
- Diese Empfindung werden Sie im Folgenden mit Hilfe Ihres Atems um sich herum
ausbreiten. Jeder Einatem soll Sie wieder zur Quelle der Sympathie und des
Wohlwollens zurückführen: in Ihr eigenes Herz.
- Sammeln Sie sich nun einatmend im Herzraum und verströmen Sie all das Wohlwollen
und die Sympathie mit dem Ausatem in den Raum, der vor Ihnen liegt. Führen Sie dabei
Ihre rechte Hand nach vorne.
- Holen Sie sie einatmend zum Herzraum zurück und sammeln Sie sich dort.
- Verströmen Sie mit den folgenden Ausatmungen diese Gefühle mit dem Ausatem nach
rechts, nach hinten, nach links, nach oben und unten und machen Sie mit einer oder
beiden Händen die entsprechenden Gesten dazu.
- Stellen Sie sich schließlich vor, dass Sie Wohlwollen und Sympathie durch den Ausatem
wie eine schützende Hülle um sich legen und beschreiben Sie dazu mit beiden Armen
einen weiten Kreis um sich herum.
- Wiederholen Sie diesen Ablauf insgesamt dreimal. Wenn Ihnen eine andere Reihenfolge angenehmer ist, können Sie sie gerne ändern. Verweilen Sie anschließend noch eine
Weile in der Wahrnehmung Ihres Herzraumes und des Raumes, der Sie umgibt. Alles ist
jetzt erfüllt von den positiven Schwingungen, die Sie ausgesandt haben.
- Beobachten Sie, wie friedlich und wohl Sie sich in diesem energetischen Raum
empfinden, den Sie mit Ihrer Meditation erschaffen haben. Um die Übung zu beenden,
legen Sie beide Handflächen vor der Brust aneinander und verneigen Sie sich.
Text und Rechte: Anna Trökes, Dezember 2008 |